Montag, 23. Juni 2014

Änderungen der Teilnahmebedingungen - Widerspruch zwecklos

Heute erreichte mich eine eMail eines Webdienstleisters, mit der ich über die Änderungen der Teilnahmebedingungen informiert wurde:

"Guten Tag Ulli Naefken, wir wenden uns heute an Sie, um Sie über Änderungen der Teilnahmebedingungen des XXXXXXX ("Teilnahmebedingungen") zu informieren, die am 1. Juli 2014 ("Tag des Inkrafttretens") in Kraft treten. Ab dem Tag des Inkrafttretens sind die geänderten Teilnahmebedingungen einzuhalten. (…) Sie haben das Recht, diesen Änderungen innerhalb von sieben Tagen nach Zugang dieser E-Mail zu widersprechen. Bitte haben Sie jedoch auch Verständnis, dass ein Widerspruch im Interesse der Handhabbarkeit des XXXXXXXX die Kündigung Ihrer Teilnahme am XXXXXXXX mit einer Frist von sieben Tagen zur Folge haben wird. (…) Ihre fortgesetzte Teilnahme am XXXXXXX am oder nach dem Tag des Inkrafttretens stellt Ihre Zustimmung zu den geänderten Teilnahmebedingungen dar. Bitte lesen Sie sich daher die Änderungen der Teilnahmebedingungen sorgfältig durch."

1. Interessant ist die Tatsache, dass ich bei einer Nichtzustimmung - also eines Widerspruchs - automatisch als "Kunde" nicht mehr interessant bin. Widerspruch heißt Kündigung.

2. Mein Versuch via Kontakformular der Änderungen der Teilnahmebedingungen zu widersprechen, ist leider fehl geschlagen, da mir eine erforderliche Pflichtangabe nicht vorliegt.

Somit werde ich wohl - gegen meinen Willen - allen Änderungen zustimmen und weiterhin Kunde bleiben dürfen.

Mittwoch, 11. Juni 2014

„Warum Menschen das Netz (oder Teile davon) nicht nutzen“ - re:publica 14

Ulrike Roth, Nele Heise, Juliane Kirchner, Cindy Roitsch und Wiebke Loosen untersuchten unabhängig von einander das Phänomen der Nicht-Nutzung des Internets. Das Wichtigste kompakt:

Laut einiger Studien nutzen 23% der Deutschen das Internet nicht. Die Nutzerzahlen stagnieren. Es gibt viele Formen der Nicht(mehr)nutzung - in allen Altersschichten. Die Gründe sind vielfältig: Man will sich nicht online registrieren, das Internet ist zu zeitaufwandig und macht keinen Spaß, das Diskussionsniveau mit Fremden entspricht nicht dem eigenen, es besteht schlichtweg kein Interesse am Web, man will seine Zeit sinnvoller nutzen, das Web ist nicht in den eigenen Tagesablauf/ Alltag integrierbar. Für Einige ist die Nicht-Nutzung eine kommunikative Grenzziehung: Man will nicht 24h erreichbar sein.

„I predict a riot!“ (Hannah Fry) - re:publica 14

Hannah Fry zeigte in ihrem Vortrag wie man Komplexität und das Verhalten von Menschenmassen mithilfe von Mathematik begreifen kann. Durch den Blick auf die Makroebene lassen sich Muster erkennen. Faszinierend ist die Tatsache, dass das Verhalten meines direkten Nachbars Einfluss auf mein eigenes Verhalten hat und anders herum. Gezeigt hat sie dies an ihrer sehr beeindruckenden Analyse der Unruhen im Jahr 2012 in London. Und: Wer wissen will, wie Pep Guardiola Fußball spielen lässt, sollte sich den vollständigen Vortrag unbedingt anschauen, denn Hannah Fry hat den Pep-Code für uns entschlüsselt:

„Bildmedien der Zukunft und wie sie unser Bild der Welt verändern“ (Harald Klinke) - re:publica 14

Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Dr. phil. Harald Klinke referierte 30 Minuten über die Vergangenheit und Zukunft der Bildmedien.

Der Mensch, ein bildermachendes Wesen. Alles begann mit den Höhlenmalereien. Im 15. Jahrhundert wird das Bild in Form von Ölbildern mobil. Im 19. Jahrhundert ist durch die Fotografie das Bildermachen ohne Künstler möglich. Aus Pigmenten sind im vergangenen Jahrhundert Pixel geworden.

Ein Bild ist eine Transformation der Wirklichkeit auf eine 2D-Projektionsebene - noch: Denn durch die Lichtfeldfotografie werden nun die Daten aus dem Lichteinfall speicherbar und der Schärfepunkt des Fotos im Nachhinein veränderbar. Google erforscht mit seinem Projekt Tango bereits an einer Umsetzung für Smartphones.

Jahrhunderte begrenzte ein Rahmen das Bild (bei Gemälden wie bei beim Tablet), wann wird dieser Rahmen verschwinden? Welche Chancen und Visionen bietet die Auflösung von Realraum und Digitalraum? Wann wird das Display gleichzeitig auch Kamera sein? Was macht der Mensch mit seinen inneren Bildern? Welche äußeren Bilder entstehen dabei?

Ein sehr interessanter Vortrag mit vielen offenen Fragen - hier in voller Länge:

„Zahnbürste oder Longboard!“ (Lorenzo Tural Osorio) - re:publica 14

Mit neun Jahren entdeckte Lorenzo Tural Osorio die digitale Welt. Mit zwölf Jahren war er der jüngste Redner auf der #rp14. Herzliche Einladung, sich von einem Zwölfjährigen die digitale Welt erklären zu lassen.

„Rede zur Lage der Nation“ (Sascha Lobo) - re:publica 14

Bitte von allen, denen die Zukunft des Internets wichtig ist, anschauen:



Herzliche Einladung von mir, am neuen Internetoptimismus mitzuwirken! :-)

"Designforschung für die vernetzte Gesellschaft" (Gesche Joost) - re:publica 14

Grundlage einer vernetzten Gesellschaft ist Partizipation - sich einbringen, miteinander teilen, mitgestalten. Doch auf dem Weg dorthin gibt es viele Hürden, bis Internetzugang zu einem Bürgerrecht und digitale Teilhabe zu einer allgemeinen Kulturtechnik werden. Wie wir gemeinsam diese Hürden überwinden können, zeigt Gesche Joost an Beispielen aus dem Design Research Lab - mit digital / analogen Briefkästen, Handschuhen für Taubblinde und Apps zum ziellosen Umherschweifen.

„Über die ethischen Grenzen von Big Data“ (Viktor Mayer-Schönberger) - re:publica 14

"Big Data ist das Ende des Vergessens." - Viktor Mayer-Schönberger zeigt sehr eindrücklich, was Big Data bedeutet und warum der Film "Minority Report" Realität ist:



P.S. Der beste Vortrag der diesjährigen #rp14.

„Bye bye Gatekeeper: Wer bestimmt die Themen im Netz?“ - re:publica 14

In der Session mit Ferda Ataman, Kübra Gümüşay, Anne Wizorek und Sabine Mohamed wurde sehr intensiv für die Nutzung von Twitter geworben.

Twitter ist eine Dienst, der im Gegensatz zu Facebook keinen Filter-Algorithmus beim Anzeigen der Inhalte nutzt. Durch die Verwendung von Hashtags hat man eine mediale Option, gesellschaftlich relevante Alltagsthemen zu benennen und mit einem Hashtag zu besetzen, wie z.B. bei #aufschrei oder #schauhin oder #weareallmonkeys (oder aktuell #AuchichbinDeutschland) geschehen.

Durch das Treffen eines gesellschaftlich relevanten Nervs können so Sammlungen von Tweets entstehen und die Geschichten der betroffenen Personen hinter den Tweets sichtbar gemacht werden. Mittels Resonanz im Web wird ein Thema schließlich von der individuellen Ebene auf die gesellschaftliche Ebene gehoben - zumindest bei den gezeigten Beispielen. Infolge von Vernetzung mit Journalisten und Gatekeepern und einem Erscheinen des Hashtags bei den Twitter Trend Topics lässt sich ein semi-öffentlicher Druck ausüben, der evtl. weitere (Offline-)Wellen auslöst. Hierzu müssten etablierte Medien die Themen in ihren Publikationen aufgreifen und darüber berichten.

„Aggregation: Wettstreit von Sendern, Plattformen und Ökosystemen“ (Bertram Gugel) - re:publica 14

Parallel zur #rp14 fand die #mcb14 des Medienboards Berlin-Brandenburg statt. Thema des ersten Tages war „Aggregation“. Dabei handelt es sich um das Sammeln von Medieninhalten und dem Bereitstellen selbiger durch verschiedenste Medienanbieter auf verschiedensten Medienkanälen. In seiner Keynote präsentierte Bertram Gugel eine sehr schöne Systematisierung von Aggregation. Anbei die Folien seiner Präsentation:


Für mich blieb hängen, dass die Google-Suche weiterhin der größte Aggregator und somit die wichtigste Medienplattform ist.

„Defending Human Rights worldwide“ - re:publica 14

In der Session „Defending Human Rights worldwide“ wurde der globale Trend der politischen Massenmobilisierung beleuchtet. Dabei kamen nicht nur politische Aktivisten zu Wort, sondern es wurde ebenso die Internet-Berichterstattung der „Movementwelle“ präsentiert.

Das Internet vernetzt nicht nur die „change-makers around the world“, sondern bietet ihnen ebenso die Möglichkeit, über die Zustände in ihren Ländern zu berichten. So soll eine „echte“ Vor-Ort-Berichterstattung stattfinden - ohne eine journalistische (Filter-)Instanz durch etablierte Medien. In Brasilien gibt es hierzu die Midianinja, die via Smarthphone-App die Web-Öffentlichkeit mit Fotos und Videos versorgen. Ebenso werden Video Volunteers gesucht, die Missstände aus ihrem Umfeld per Video festhalten sollen. Die Plattform oximity.com sammelt die Berichte aus aller Welt, damit sich die User vor den heimischen Computerbildschirmen rasch und zügig einen Überblick über die Missstände in der Welt verschaffen können.

Keynote zur Eröffnung „The Yes Men“ - re:publica 14

Die berühmten The Yes Men aus den USA sind Medienaktivisten und Experten für soziale Experimente. Durch gut vorbereitete Aktionen werden u.a. politische Organisationen infiltriert und die Mechanismen der jeweiligen Systeme ins Lächerliche gezogen. Ein aktuelles Beispiel war das Einschleusen in eine Tagung der Homeland-Security: Einer der Yes Men hielt dort eine Rede und verkündete vor den Lobbyisten, dass die Vereinigten Staaten von Amerika bis 2030 komplett auf erneuerbare Energien umsteigen werde. Höhepunkt war die Aufforderung eines Vertreters des "Bureau of Indian Affaires", der alle Anwesenden zum gemeinsam Kreistanz aufforderte:



Ziel der Aktionen ist das Grundrauschen für gewissen Themen in den Medien zu erhöhen und auf diese Art, Einfluss auf die Entscheidungsträger/-innen zu nehmen. Mit der vorgestellten Web-Plattform Action Switchboard sollen weitere PR-Guerilla-Aktionen organisiert und koordiniert werden.

Zum Schluss des Vortrags wurde ein weiteres Video gezeigt, dass sehr schön zeigt, welche Wellen die Aktionen der „The Yes Men“ auslösen:

Auftakt und mein einer Gedanke - re:publica 14

Bei der Eröffnung der re:publica 14 steht Markus Beckedahl (Mit-Initiator der re:publica) auf der großen Bühne und propagiert: „Das ist unser Netz. Wir wollen es zurück!“ Ein Appell, der bei genauerer Reflexion eigentlich kaum Echo hervorrufen sollte, denn das Netz gehört in seiner Architektur erstmal nicht Einzelnen. Es gehört nicht der Politik und nicht den Geheimdiensten. Es sollte auch nicht einer Ansammlung von Lobbyisten gehören. Somit macht der Appell zur Rückeroberung keinerlei Sinn.

Ich nehme einen anderen Impuls mit von der Eröffnung der #rp14, den ich nun als mein Appell an die „Netzgemeinde“ richten möchte: Lasst uns die Freiheiten, die wir in Deutschland und Europa genießen, nutzen und jede und jeden ermutigen, es ebenfalls zu tun. Lokale Korrespondenten sollten Themen aus ihrem persönlichen Umfeld dokumentieren und so für die Öffentlichkeit sichtbar machen. Nicht wegschauen, sondern aufzeigen. Mehr Empowerment anstatt blinder Gefolgschaft. Es droht den Deutschen nicht das gleiche Schicksal wie den bei der Eröffnung gezeigten Bloggern in Äthiopien, China und Syrien. Die Presse- und Meinungsfreiheit steht im Grundgesetz und gilt für uns in Deutschland auch im Netz.

Samstag, 7. Juni 2014

Schickt alle Monster in den unbefristeten Urlaub

Wer seine Chroniken in den diversen sozialen Netzwerken beobachtet, findet in letzter Zeit erstaunlich viele Bilder, Videos und Links mit angstmachenden Panik-Meldungen zu unterschiedlichsten Themen. Aber auch der Versuch von Einzelnen, Facebook mit Disney-Bildern zu füllen, um die negativen Posts für einen Tag zu verdrängen.

Das Schema scheint immer gleich: Irgendwo im Netz entsteht eine Gedanke, der von einzelnen umgedeutet und neu verpackt (z.B. als Video) und so viralfähig gemacht wird. Es werden Monster erschaffen, die sich so in unseren Timelines tummeln, wie damals die Gremlins im Kino oder das Krümelmonster im Fernsehen.

Matthias Burchhardt hat in seinem Essay „Das Medium ist das Monster“ (erschienen in APuZ Nr. 52/2013) folgende fünf Monsterbeispiele definiert, die uns medial begegnen:

Monsterbeispiel I: "Das Kopftuchmädchen" 
Das Kopftuch bzw. deren Trägerin. „Wer sich verbirgt, hat etwas zu verbergen – seien es patriarchale Unterdrückungsstrukturen, religiöser Fundamentalismus, integrationsunwilliger Traditionalismus oder gar ein Sprengstoffgürtel. Während das moderne westeuropäische Mädchen unter dem Enthüllungsdruck der Mode die Darstellung ihrer mehr oder weniger vorteilhaften Körperformen zu leisten hat, setzt "das Kopftuchmädchen" dem konsumierenden Blick beunruhigende Grenzen. (...) Das "Kopftuchmädchen" fungiert insofern als Projektionsfläche und Sündenbock für durchaus berechtigte Ängste, zugleich aber werden Opfer zu Tätern stilisiert.“ 
Monsterbeispiel II: "Der dicke Mensch" 
„Die Spielregeln der Political Correctness haben die soziale Diskriminierung nicht aufgehoben, falls dies je deren Zweck gewesen sein sollte, sondern in ihren Formen sublimiert, rationalisiert, moralisiert und diversifiziert. Der dicke Mensch erfährt diese monsterifizierende Stigmatisierung im Horizont einer Mode, die nicht die Schönheit des individuellen Körpers zum Vorschein bringt, sondern diesen mit der Abweichung vom BMI (Body Mass Index) konfrontiert.“ 
Monsterbeispiel III: "Der Terrorfürst" 
„Eine Lieblingsfigur der medialen Kommunikation ist seit dem 11. September 2001, neben dem "irren Diktator" (wie Saddam Hussein oder Muammar Al-Gaddafi), "der Terrorfürst". Er verkörpert das Monster des absolut Bösen, das einerseits bezüglich seiner Motive als gänzlich irrational, in der Wahl seiner Mittel aber andererseits als perfide, mit aller Macht der instrumentellen Vernunft ausgestattet, dargestellt wird.“ 
Monsterbeispiel IV: "Die Märkte" 
„Auch im Umgang mit der Weltfinanzkrise, die zur Staatsschuldenkrise umerzählt wurde, finden sich Elemente monsterifizierender Simplifikationen. Zum Bezugspunkt aller Diskussionen und Maßnahmen wurden "die Märkte" erklärt, denn eines galt als besonders bedrohlich, nämlich dass "die Märkte" "nervös" werden. Und "nervöse Märkte" könnten die ganze Weltwirtschaft in den Abgrund reißen.“ 
Monsterbeispiel V: "Der Datenkrake" 
„Das aktuellste Monster in den Medien ist der Datenkrake. Nicht erst seit den Enthüllungen Edward Snowdens kritisieren Datenschützer, dass große Unternehmen, staatliche und geheimdienstliche Institutionen ihre Tentakel in alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens ausstrecken, um dort Informationen jeglicher Form abzugreifen. Die Vielarmigkeit des Kraken versinnbildlicht seine potenzielle Omnipräsenz, sein Korpus die Option einer zentralen Aggregation und Korrelation der gewonnenen Daten.“

Im Geiste der Aufklärung rufe ich hiermit zum Feldzug gegen die durch uns geschaffenen medialen Monster auf: Lasst sie uns in unbefristeten Urlaub schicken! Wir haben in der jetzigen Zeit die Chance, als Menschheit enger zusammenzurücken, d.h. aufeinander zugehen, Vorurteile abbauen, Gemeinsamkeiten entdecken, Gräben überwinden und schließlich zum Wohle aller gemeinsam agieren. Angst ist da kein guter Partner, sondern reist alte Wunden wieder auf. Die Monster können wir getrost in Urlaub schicken und deren Abwesenheit nutzen. Los geht's!